Der weitsichtige Dichter
In seinem Gedicht „Hirsau“ wirft der Dichter Ludwig Uhland einen Blick ins Kloster:
In den Zellen und Gemachen
Sitzen fünfzig Klosterbrüder,
Schreiben Bücher mannigfalt,
Geistlich, weltlich, vieler Sprachen,
Predigten, Geschichten, Lieder,
Alles farbig ausgemalt.
Die Ulme zu Hirsau
Zu Hirsau in den Trümmern,
Da wiegt ein Ulmenbaum
Frischgrünend seine Krone
Hoch überm Giebelsaum.
Er wurzelt tief im Grunde
Vom alten Klosterbau,
Er wölbt sich statt des Daches
Hinaus in Himmelsblau.
Weil des Gemäuers Enge
Ihm Luft und Sonne nahm,
So trieb's ihn hoch und höher,
Bis er zum Lichte kam.
Es ragen die vier Wände,
Als ob sie nur bestimmt,
Den kühnen Wuchs zu schirmen,
Der zu den Wolken klimmt.
Wenn dort im grünen Tale
Ich einsam mich erging,
Die Ulme war's, die hehre,
Woran mein Sinnen hing.
Wenn in dem dumpfen, stummen
Getrümmer ich gelauscht,
Da hat ihr reger Wipfel
Im Windesflug gerauscht.
Ich sah ihn oft erglühen
Im ersten Morgenstrahl;
Ich sah ihn noch erleuchtet,
Wann schattig rings das Tal.
Zu Wittenberg im Kloster
Wuchs auch ein solcher Strauß
Und brach mit Riesenästen
Zum Klausendach hinaus.
O Strahl des Lichts! du dringest
Hinab in jede Gruft.
O Geist der Welt! du ringest
Hinauf in Licht und Luft.
Ludwig Uhland
Die
Sage vom Mann im Mond
Im Schwarzwald, in der Umgebung von Kloster Hirsau und Calw, erzählen sich die Leute, dass die dunklen Flecken, welche man im Vollmond sieht, von einem Mann herrühren sollen, der in den Mond verwünscht worden sei. Dieser Mann stahl am Sonntag, als er meinte, dass kein Jäger im Walde anzutreffen sei, ein Büschel Besenreiser und trug es heim. Da begegnete ihm aber im Walde ein Mann; das war der liebe Gott. Der stellte ihn zur Rede und sagte ihm, dass er ihn bestrafen müsse, weil er den Sonntag nicht heilig halte. Er fügte aber hinzu, dass er sich die Strafe selbst auswählen dürfe: Ob er lieber in den Mond oder lieber in die Sonne verwünscht sein wolle? Darauf versetzte der Mann: »Wenn es denn sein muss, so will ich lieber im Mond erfrieren als in der Sonne verbrennen.« So also ist er mit seinem Bündel Besenreiser auf dem Rücken in den Mond gekommen.
Hermann Hesse und seine Heimatstadt Calw
Der Dichter Hermann Hesse wurde 1877 in dem Nagoldstädtchen geboren und
verlebte hier seine Kindheit, bis er als Klosterschüler nach Maulbronn
ging. Seine Heimat blieb dem zeitweise als „vaterlandsloser Gesell“
verschrienen Schwaben immer Urbild seiner Dichtung: „Wenn ich als
Dichter vom Wald oder vom Fluss, vom Wiesental, vom Kastanienschatten
oder Tannenduft spreche, so ist es der Wald um Calw, ist es die Calwer
Nagold, sind es die Tannenwälder und die Kastanien von Calw, die
gemeint sind, und auch Marktplatz, Brücke und Kapelle, Bischofstraße
und Ledergasse, Brühl und Hirsauer Wiesenweg.“