Original oder Fälschung – so stellte sich die Frage den Wissenschaftlern im Falle der Lorcher Stiftungsurkunde. Stammt sie wirklich aus dem Jahre 1102 oder wurde sie eventuell später, erst Mitte des 12. Jahrhunderts erstellt? Aufgefallen waren formale und inhaltliche Unstimmigkeiten. Einmal die Schrift: Sie verrät durch sägezahnartige Verzierungen an den Buchstabenschäften der ersten Zeile, sowie durch die Schreibweise der Buchstaben „r“ und „g“, dass das Dokument unmöglich um 1100 geschrieben worden sein kann. Solche Schmuck- und Schreibelemente verwendeten die Schreiber erst ab der Mitte des 12. Jahrhunderts.
Um vieles komplexer sind dagegen die inhaltlichen Probleme. Auch sie weisen darauf hin, dass die Urkunde einige Jahrzehnte nach der Klosterstiftung erstellt wurde, um die Bestimmungen der Gründungszeit noch einmal in einem repräsentativen Dokument zusammen zu fassen.
Trotz dieser Forschungsergebnisse ist die Lorcher Stiftungsurkunde natürlich keine wertlose oder gar betrügerische Fälschung im heutigen Sinne. Ihre Inhalte sind durch weitere Urkunden des 12. Jahrhunderts – unter anderem von Friedrich Barbarossa aus dem Jahre 1154 – bestätigt.
Entsprechend dem üblichen Aufbau einer mittelalterlichen Urkunde werden zunächst der Stifter und seine Familie genannt: Friedrich, Herzog von Schwaben und Franken, mit seiner Frau Agnes von Waiblingen und ihren Söhnen.
Dann folgt eine Auflistung der Gewährsleute: die Bischöfe von Augsburg, Konstanz, Speyer und Würzburg.
Daran schließt sich die „Dispositio“, der wichtigste Teil der Urkunde an, in dem die Willenserklärung des Ausstellers und die Rechtsinhalte aufgeführt werden. Also: die Stiftung des Klosters an den Papst als Vertreter der Kirche, das Recht der Mönche auf freie Abtswahl und den Schutz des Klosters sowie der Mönche durch den Vogt.
Das Dokument endet mit einem Hinweis auf das (verloren gegangene) Siegel Friedrich von Schwabens und mit der Datumszeile. In ihr wird der 3. Mai 1102 als Ausstellungstag der Urkunde bezeichnet.
Heute befindet sich die wertvolle Urkunde in Österreich. Sie wird in den Archiven des Benediktinerklosters St. Paul im Lavanttal aufbewahrt. In der Lorcher Klosterkirche ist eine Reproduktion der Stiftungsurkunde zu sehen.