Aufgeschlagen: die Lorcher Chorbücher

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Kloster Lorch im Remstal ist bekannt als ein wichtiger Ort staufischer Geschichte in Württemberg. Dabei vergisst man oft: bedeutend war das Kloster nicht nur, weil es Staufergrablege sein sollte. Die prachtvollen Lorcher Chorbücher (1511-1512) zeugen von einer anderen Zeit. Sie stammen aus der Hoch-und Glanzzeit des klösterlichen Lebens und Schaffens in Lorch, am Anfang des 16. Jahrhunderts. Versammelte man doch zu ihrer Erstellung die besten Schreiber, Buchmaler und Notenspezialisten aus Süddeutschland, die die wertvollen Pergamentblätter der drei erhaltenen Handschriften - ursprünglich waren es fünf - bearbeiteten. Der Auftrag war so groß, dass man wahrscheinlich sogar eine eigene Werkstatt in Lorch einrichtete! In den Bänden wurden alle Gesänge des klösterlichen Kirchenjahres aufgeschrieben. Zwei dienten dem Stundengebet. Aus dem Dritten sangen die Mönche während der Messgottesdienste. Am Beginn jeden kirchlichen Festes sind die Seiten mit Bildern, Ornamenten und kunstvoll gestalteten Anfangsbuchstaben - Initialen - verziert.

Abt Sebastian Sitterich

Auftraggeber der Chorbücher war Abt Sebastian Sitterich aus Lorch. Er legte die Inhalte fest, wählte die Künstler aus und sorgte für die Finanzierung der kostspieligen Werke. Als Stifter und Sponsoren sind unzählige Personen in den Handschriften aufgezählt. Allen voran, der Landesherr Herzog Ulrich von Württemberg. Nur mit ihrer Unterstützung konnte das Kloster die Kosten zum Beispiel für Pergament und Farben aufbringen.

Bestechend schön sind die Illustrationen des Buchmalers Nikolaus Bertschi aus Augsburg. Sie bezaubern noch heute durch ihren Witz, ihre Lebendigkeit und durch ihre Farbenpracht. Besonders realistisch stellt Bertschi religiöse Szenen, aber auch Alltägliches aus der Umgebung des Klosters dar. Zwei ungewöhnliche Bilder geben einen äußerst seltenen Einblick in den Arbeitsalltag der mittelalterlichen Klosterwerkstatt frei. Sie zeigen Nikolaus Bertschi und den Notenmaler Leonhard Wagner aus dem Kloster St. Ulrich und Afra in Augsburg bei der Arbeit. Erstaunliche Szenen von geradezu schwarzem Humor fallen auf: etwa die Hasen, deren Opfer, der Jäger, freudig gegrillt wird. Bevor Bertschi jedoch sein Werk beginnen konnte, mussten die Schreiber ihre Arbeit abgeschlossen haben. Zur Unterstützung der Lorcher Mönche wurden Mönche aus Elchingen, Murrhardt und Augsburg geholt. Der bekannteste Schreiber aber kam aus Lorch selbst, es war der Mönch Laurentius Autenrieth, der später dort Abt wurde.

Erstaunliche Szene im Lorcher Chorbuch (Cod. mus. fol I 64 S. 139r) von geradezu schwarzem Humor: die Hasen grillen ihr Opfer - den Jäger.

Grillfest der Hasen
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Dass diese drei Folianten heute noch zu bewundern sind, ist nicht unbedingt selbstverständlich, denn das Kloster und damit auch die Bibliothek wurden 1535 aufgelöst. Die Bände verschwanden. Erst 1587 wurden sie von zwei ehemaligen Lorcher Mönchen an das nicht reformierte Benediktinerkloster Neresheim verkauft. Dort blieben sie bis ins 18. Jahrhundert. Dann wanderten sie als Geschenk des Abtes von Neresheim nach Stuttgart: an Herzog Carl Eugen, der ein passionierter Sammler von alten Bibeln und religiösen Handschriften war. Seitdem werden sie sorgsam aufbewahrt und gehütet. Sie sind heute im Besitz der Württembergischen Landesbibliothek: Die herzogliche Sammlung ist ein bedeutender Grundstock der heutigen Bibliothek.

 

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Technische Beratung, Gestaltung, Konzept und Umsetzung: Ralf Gatzki und Friederike Rook