„... Nach Lorch a. Rems (Luftkurort) – Bahnstation, beliebter Ausflugsort – mit günstigen Zugverbindungen zur Her- und Rückfahrt.“ So warb die Stadt Lorch 1907 in einer Zeitungsannonce. War sie doch im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem überaus beliebten Reise- und Ausflugsziel geworden. In der Tat: Lorch besaß vieles, was die erholungs- und bildungshungrigen Reisenden des 19. Jahrhunderts suchten: eine idyllische Umgebung, gute Luft und alte Gemäuer aus staufischer Zeit. National Begeisterte und romantisch gestimmte Naturfreunde fühlten sich von Lorch gleichermaßen angezogen. Die Gäste kamen aus Nah und Fern; nicht nur aus Stuttgart und dem Württembergischen, sondern ebenso aus dem europäischen Ausland und – erstaunlicher Weise – aus Russland, Afrika und Amerika!
Doch, das war nicht immer so. Nach der Reformation und der Vertreibung der Mönche aus Lorch 1535 diente das Kloster vor allem als Wirtschafts- und Verwaltungshof. Erst als in der Zeit der Romantik das Interesse am Mittelalter erwachte und Dichter und Maler die landschaftliche Schönheit der Schwäbischen Alb erkannten, rückte Lorch wieder in den Mittelpunkt des Interesses. Sagen und Legenden der Region wurden neuentdeckt und bald schon standen die Staufer und deren Stammburg nebst Kloster im Zentrum der südwestdeutschen Mittelalterbegeisterung. Die verfallene Klosterruine wurde zu einem touristischen Anziehungspunkt. 1879 bis 1883, also verhältnismäßig spät, setzte man sie durch umfassende Restaurierungen wieder instand.
Einer der ersten Besucher des neuen Luftkurortes war der Dichter Eduard Mörike. „Die gute Luft und absolute Stille“, schrieb er 1867 an einen Freund, „tut insbesondere den Nerven meiner Frau sehr wohl, daß wir vermutlich noch den halben Winter, wenn nicht den ganzen, hier zuzubringen gedenken“. Die Mörikes lebten insgesamt zwei Jahre in Lorch und genossen die Luft, die Umgebung und vor allem das nahe Kloster, über das der Dichter folgendes Verslein auf eine Kaffeeschale schrieb: „Wenn die Amseln wieder singen, und zum Neste fliegt der Storch / trinkt man den Kaffee zu Sechsen, dort im Klosterhof zu Lorch.“
Ab 1871 bemühte sich der Lorcher Verschönerungsverein darum, den Kurgästen den Aufenthalt in Lorch so attraktiv und angenehm wie möglich zu machen. Wanderwege wurden eingerichtet, Bänke an aussichtsreichen Orten aufgestellt und Baumalleen zur Verschönerung des Stadtbildes gepflanzt. Ein Kurpark entstand und im Gasthaus „Harmonie“ spielte die Gmünder Militärkapelle zum Tanze auf. Wichtig für den Kurort war außerdem die Einrichtung von Bademöglichkeiten und die bereits 1861 eingeweihte Remsbahn, mit der die Gäste schnell und bequem nach Lorch kamen. Der Kurbetrieb blühte! Erst zu Beginn des Zweiten Weltkriegs kam er ganz zum Erliegen.
Heute zeugen neben einem Standbild von Eduard Mörike in der Lorcher Innenstadt vor allem Postkarten, Fotografien und Zeitungsberichte von jenen glanzvollen Tagen.