Thema des Monats August 2003
Sommerzeit – Reisezeit: Säkularisation und Tourismus
Schon im 19. Jahrhundert begab man sich in den Sommermonaten auf die Reise: Allerdings war das Reisen per Kutsche oder zu Fuß sehr viel beschwerlicher, abenteuerlicher und langsamer als heute. Man begann damals, sich für eindrucksvolle Denkmäler, Schlösser, Parks, Ruinen und Klöster zu interessieren und sie zu besuchen. Sie jedoch zu schützen, sie als wichtige Zeugnisse vergangener Zeiten zu bewahren und sie touristisch zu erschließen, war noch lange keine Selbstverständlichkeit. Doch woher kam dieses in den 1820-er und 1830-er Jahren erwachende Interesse? Ein Grund dafür waren die Umwälzungen der Säkularisation. Durch sie wurden Klöster wie das von Allerheiligen zu Ruinen, durch sie versanken Orte wie Meersburg in einen Dornröschenschlaf. Die verlassenen und verfallenen Orte entsprachen ganz und gar dem Geist der Romantik – und man entdeckte ihre pittoreske Schönheit und historische Bedeutung.
Besonders beliebte Reiseziele wurden Orte, an denen Natur und Historie gleichermaßen die Phantasie der Reisenden beflügelten. Heidelberg gehörte von Anfang an zu den beliebtesten Zielen der Zeit. Großherzog Karl Friedrich von Baden setzte sich für den Erhalt der über dem Neckar thronenden Schlossruine ein. Unzählige Ansichten und Gedichte zeugen noch heute von der Begeisterung der Besucher.
Auch die reizvolle Ruine von Kloster Allerheiligen taucht in der Literatur des 19. Jahrhunderts auf. Der Amerikaner Mark Twain besuchte sie auf seinem Bummel durch Europa, bei dem neben dem Neckartal auch der Schwarzwald nicht fehlen durfte. Durch das große Interesse der Zeitgenossen für das marode, mittelalterliche Gemäuer wurde aus einem Steinbruch der Säkularisation ein Kulturdenkmal.
Ein anderes attraktives Reiseziel war der Bodensee. Auch hier fanden die Reisenden Orte, in denen der Geist der Vergangenheit gegenwärtig zu sein schien. In Meersburg etwa faszinierte das völlig intakte historische Stadtbild die Fremden mit seiner Beschaulichkeit. Durch die Auflösung des Hochstiftes in Konstanz hatte sich die Stadt nach 1800 kaum weiter entwickelt. Erst mit den Reisenden entstand ein neues, wirtschaftlich einträgliches Gewerbe in der Bodenseestadt: der Tourismus.