Thema des Monats Juni 2003
Fluchtplan für einen Schatz
Eine der wohl spannendsten Geschichten der Säkularisation ist die Geschichte des Speyrer Domschatzes. Berühmte Kostbarkeiten wurden dort, teils schon seit dem 11. Jahrhundert aufbewahrt: etwa der Codex Aureus oder das Goldene Evangelienbuch aus Echternach. Der Domschatz enthielt außerdem bedeutende Reliquien wie das Haupt des heiligen Papstes Stephanus I. aus Rom. Im Laufe der Jahrhunderte gingen viele Stücke des Schatzes verloren. Erst in den Wirren der französischen Revolutionskriege aber und in deren Folge durch die Säkularisation wurde er aufgelöst.
Als sich im Jahre 1792 die französische Revolutionsarmee den Toren Speyers näherte, verpackte der Archivar des Domstifts, Damian Hugo Büchler, den wichtigsten Teil des Domschatzes und des Domarchivs in Kisten. Er sollte nicht, wie so viele europäische Kunstwerke und Kulturgüter in die Hände der Franzosen fallen. Mit insgesamt 51 Kisten verließ Büchler die Stadt und begab sich auf eine lange, abenteuerliche Reise den Rhein abwärts. Er floh über Mainz, Bonn und Amsterdam nach Bremen und von dort aus – ebenfalls auf dem Wasserweg – wieder zurück nach Mainz. 1794 hielt sich Büchler mit dem Domschatz und dem Domarchiv in Würzburg auf. Von dort floh er 1795 weiter nach Hannoversch-Münden. Erst 1797 kehrte er in die Region um Speyer zurück, um seine Reise in Bauerbach bei Bretten vorerst zu beenden.
Doch auch hier war der Schatz nicht in Sicherheit. Das Land brauchte Geld um den Krieg gegen Napoleon zu finanzieren. Also öffnete man die weit gereisten Kisten und verkaufte den entbehrlich erscheinenden Teil des Domschatzes und des Domarchivs. Die noch verbleibenden Kisten wurden nach Bruchsal gebracht. Dann kam die Säkularisation: Der Speyrer Domschatz wurde nach Karlsruhe überführt, inventarisiert und aufgeteilt. Wertvolle Bücher des Domarchivs gab man an die Hofbibliothek. Wertvolle Silbergegenstände gelangten in die Karlsruher Silberkammer, sie dienten später zum Teil der Anfertigung der badischen Kroninsignien. Einen weiteren Teil des Silberschatzes schmolz man in der Mannheimer Münze ein. Einige wenige Stücke, wie Messkelche oder die Kasel des Fürstbischofs Franz Christoph von Hutten, wurden als persönliche Geschenke Großherzog Karl Friedrichs von Baden an die Stadtkirchen von Karlsruhe und Bruchsal sowie an die Schlosskapelle und an die Stadtpfarrei Mannheim weiter gegeben.
So wurde der über lange Jahre sorgsam bewahrte Schatz des Speyrer Doms Anfang des 19. Jahrhunderts aufgelöst und in alle Winde verteilt. Im heutigen Speyrer Domschatz sind keine Stücke des alten Schatzes mehr enthalten. Seine ältesten Kostbarkeiten stammen aus den Restbeständen des Mainzer Domschatzes.